Neue Straßenbahnhaltestelle am Hauptbahnhof

Als sich das Würzburg der 1950er Jahre daran machte, aus den Trümmern der Kriegszerstörung einen neuen Hauptbahnhof zu bauen, gelang ein Schaustück, das heute noch Bewunderung hervorruft: der Vorplatz des neuen Bahnhofs wurde den Fußgängern zugesprochen; die Reisenden konnten sich, ohne Straßen kreuzen zu müssen, gefahrlos bewegen und trotzdem gelang es, die Straßenbahn immer entlang der zentralen Grünanlage bis unmittelbar vor das Empfangsgebäude zu führen.
Seitlich des Fußgängerbereichs wurden Parkplätze, Taxistand und Bushaltestellen angeordnet – alle ebenfalls auf kürzesten Wegen untereinander und mit dem Bahnhof verbunden, ohne Straßen kreuzen zu müssen. Das alles ergab ein Gesamtwerk, das man ohne Übertreibung als genial bezeichnen darf! Trotzdem sollte man nicht vergessen: für den Busbahnhof wurde an dieser Stelle ein größeres Stück des Ringparks geopfert – eine Wunde, die auch heute noch schmerzt.
Ein prägendes Charakteristikum hatten der 1945 zerstörte und der neue Bahnhofsvorplatz von der ersten Stunde an gemeinsam: bis heute ist die wichtigste Bestimmung des Platzes, die Haltestellen der Straßenbahn aufzunehmen und die Eisenbahn mit der ganzen Stadt zu verbinden. Dieser Funktion haben die Planer der Nachkriegszeit mit der charakteristischen Brunnenumfahrung und dem symmetrischen Gleisbild eine überaus gelungene Form gegeben.
Doch damals war ein Straßenbahnwagen gerade einmal 12 m lang – heute sind es über 30, zukünftig mehr als 40 m, die wegen der Barrierefreiheit noch dazu in überwiegend gerader Linie an der Haltestelle untergebracht werden sollen, und mehr als zehnmal so viele Menschen wie damals steigen heute ein oder aus. Mit diesen Anforderungen ist die Anlage aus den 1950er Jahren überfordert.
Das Erscheinungsbild der mittlerweile um die 60 Jahre alten Anlagen ist dem eines Eingangstores zu unserer Stadt ganz und gar unwürdig; welchen herunter gekommen Eindruck der Platz vermittelt, fällt umso stärker ins Auge, seit der Brunnen und das Bahnhofsgebäude wieder in altem Glanz erstrahlen.
Heute geht es darum, so rasch wie möglich – Zielstellung: bis zur Landesgartenschau 2018 – den Bahnhofsvorplatz mit den Haltestellen der Straßenbahn grundlegend zu erneuern, die Gleisanlagen aufnahmefähig für die Anforderungen der Zukunft zu machen und dabei das Erscheinungsbild dem der Stadt Würzburg anzupassen, die einst von den herausragendsten Baumeistern ihrer Zeit gestaltet worden ist.
Zugleich muss es gelingen, das perfekte Prinzip der kurzen, konfliktfreien Wege zwischen allen Verkehrsträgern zu bewahren, denn jede Veränderung dieses Prinzips kann nur eine Verschlechterung bedeuten!

Die „Eckpfeiler“

Was muss der neue Bahnhofsplatz leisten können, was muss dafür untergebracht werden?

Bild vom Posthochhaus

Die Straßenbahnen sollen dort fahren, wo sie heute fahren, die Gleise auch zukünftig dem Platz seine charakteristische Form geben. Das ist vor allem deswegen wichtig, weil damit die Neugestaltung des Bahnhofsplatzes unabhängig von allen anderen Regelungen des Verkehrs am Bahnhof und in seinem Umfeld wie Taxi, Parken, Bus und Fahrrad wird. Unabhängig auch von dem Verkehr, der zukünftig entsteht, wenn das Bahnhofsumfeld in Richtung Grombühlbrücke neu bebaut wird – eine rasche Lösung für den Bahnhofsvorplatz und die Straßenbahn und dieser zukünftige Verkehr müssen zukünftig konfliktfrei gemeinsam funktionieren.

Alle Straßenbahnen, die heute verkehren, und zusätzlich die neue Frauenlandlinie 6 müssen alle 12 min (Linien 1, 2, 3 und 5) bzw. alle 6 min (Linie 6) halten und z.T. auch wenden können. Für die fernere Zukunft sollte alles so konzipiert sein, dass auch eine Verlängerung der Straßenbahn in den Würzburger Norden (Lindleinsmühle, Versbach und Lengfeld) abgewickelt werden kann.

Zumindest teilweise werden wegen der großen Nachfrage zukünftig längere (ca. 43 m) Straßenbahnen benötigt und müssen am Bahnhof barrierefrei halten und wenden können.

Mit diesen Anforderungen im Hinterkopf gilt es nun zu überprüfen, ob das alles bedarfsgerecht auf den zur Verfügung stehenden Flächen untergebracht werden kann.

Unser Bahnhofsvorplatz kann sein Gesicht bewahren

Die Würzburger Agenda 21 hat eine ganze Reihe denkbarer Gleisführungen auf dem Platz untersucht; das Ergebnis ist erfreulich – es gibt einige Möglichkeiten, die Straßenbahn auch zukünftig auf dem Bahnhofsplatz einzuordnen und die Symmetrie des Platzes zu bewahren. Dabei muss an keiner Stelle in das Umfeld eingegriffen werden, wodurch zukünftige städtebauliche Entwicklungen beeinträchtigt werden könnten, und vor allem muss unser Ringpark an keiner Stelle auch nur angetastet werden – im Gegenteil: die Straßenbahn kann dazu beitragen, dem Park entlang des Haugerrings seine ursprüngliche Anmutung wieder zurück zu geben. All das schaffen die bisher bekannt gewordenen Planungen nicht. Unser Vorschlag beschränkt sich auf den Bahnhofsplatz und erhält sowohl die Kioskreihen als auch den Ringpark vollständig.

Bahnhofsvorplatzhaltestelle

Die Straßenbahnlinien 1 und 5 benötigen zwei Gleise, je eines aus Richtung Innenstadt in Richtung Grombühl und umgekehrt. Aus Grombühl Richtung Innenstadt umfahren die Wagen den Brunnen wie heute gegen den Uhrzeigersinn; in Richtung Grombühl umrunden sie dagegen zukünftig den Brunnen im Uhrzeigersinn (Fahrtrichtung siehe schwarze Pfeile). Zusätzlich müssen die Linien 2 und 3 wie heute wenden und wieder Richtung Innenstadt zurück fahren können.
Die neue Linie 6 – sie wird mit Abstand die am stärksten nachgefragte Linie Würzburgs sein – soll mit langen Wagen zwischen Hubland und Bahnhof pendeln und benötigt dafür ein eigenes Haltegleis zum Ein- und Aussteigen, denn die beiden anderen Gleise sind mit den Linien 1, 2, 3 und 5 ausgelastet.
Alle Bahnen sollen zukünftig westlich vom Brunnen halten, also dort, wo auch heute die Haltestellen Richtung Innenstadt liegen. Westlich des Brunnens wird für die Haltestellen und Gleise ca. 3 – 4 m mehr Breite benötigt als heute; dieser wird dadurch gewonnen, dass die Kioskreihe im Zuge ihrer Sanierung etwas nach Westen verschoben wird.

Montage Bahnhof

Blick vom Posthochhaus auf den Bahnhofsplatz mit der hier beschriebenen Lösung, die alle Straßenbahnen auf dem Platz bündelt, Auf dem Bild steht innen ein Wagen der Linie 6 in Richtung Hubland bereit.

Städtebauliche und sonstige Gesichtspunkte

  • Zentraler Vorteil: Es wird nur gebaut, wo ohnehin gebaut werden muss – nirgendwo werden schutzwürdige Bereiche beeinträchtigt; dem Ringpark wird kein Haar gekrümmt. Das Ensemble des Bahnhofsvorplatzes bleibt vollständig erhalten – ein entscheidender Pluspunkt gegenüber bisherigen Planungsüberlegungen. Auch zwischen Bahnhof und Berliner Ring bleibt alles wie es ist.
  • Die Planung lässt alle Entscheidungen für die weitere Gestaltung des Bahnhofsumfeldes offen: Busbahnhof, Taxistände, Kurzparkvorfahrt, Fahrradstation können frei von der Straßenbahn geplant und verteilt werden.
  • Die Haltepositionen können wie heute in die Fußgängerflächen integriert ausgeführt werden. Ledig-lich eine der auf der Westseite erforderlichen Haltestellen muss als Bahnsteig neu gebaut werden.
  • Die Gleisanlagen können fast vollständig mit Rasen eingedeckt werden, so dass die Grünflächen um den Kiliansbrunnen sogar vergrößert werden können.
  • Bahnen, die am Bahnhof wenden und dort Wartezeiten haben, fallen nur – wie heute – mit ihren Fronten ins Auge und verstellen nicht als 40 m lange „Riegel“ den Blick auf das Bahnhofsensemble.

Es geht also – eine Straßenbahnhaltestelle auf dem Bahnhofsplatz statt im Ringpark

Betrieblich und verkehrlich erfüllt die Planung alle Anforderungen; von den Investitions- und Betriebskosten ist sie nur halb so teuer als bisher untersuchte Planungen. Sie ermöglicht, dem Denkmalschutz vollständig Rechnung zu tragen, sowohl im Bahnhofsumfeld als auch im Bereich des Ringparks, und sie garantiert volle Planungsfreiheit für alle anderen Nutzungsansprüche im Bahnhofsumfeld.

Die WSB-Planung

Die gegenwärtig von der WSB favorisierte Planung lässt Zweifel daran erkennen, dass diese Aspekte bei den Planern mit der notwendigen Deutlichkeit im Blickfeld stehen. Was die WSB plant, wurde dem Stadtrat am 14.12.2011 als favorisierte Planungsgrundlage zur Abstimmung vorgelegt.

Bahnhofsschleife Planung WSB

Bei dieser Planung stehen erkennbar die technischen und betrieblichen Anforderungen der WSB im Vordergrund. Der Ringpark gerät dabei in die Rolle der Verfügbarkeit zur Umsetzung technischer Maximalpositionen. Dem könnte man allenfalls dann folgen, wenn es zu einer solchen Planungsphilosophie keine Alternativen gäbe. Um diese Frage beantworten zu können, soll anschließend zunächst die WSB-Planung analysiert und dann versucht werden, Alternativen zu formulieren.

Wirtschaftliche Bewertung
Vor nicht allzu langer Zeit hat die WSB den entscheidenden wirtschaftlichen Nachteil einer lang ausholenden Schleifenfahrt bis zum Berliner Ring noch selbst formuliert:

„Für Wendefahrten zur Wendeschleife am Berliner Ring entstehen nicht unerhebliche durch Leerkilometer verursachte zustätzliche Betriebskosten.“
Quelle: Vorlage zur WSB-Aufsichtsratssitzung 13.07.1995

Dem ist nichts hinzuzufügen – die Aussage ist auch heute noch uneingeschränkt richtig. Wenn nach den Planungen der WSB zukünftig die neue Linie Hubland – Zellerau am Hauptbahnhof wenden soll, bedeutet dies bei einer Weiterführung zum Berliner Ring alljährlich und auf Dauer wieder kehrende Mehrleistungen in Höhe von 50.000 Fahrzeug-km, die zusätzlichen Betriebskosten in Höhe von ca. 325.000 € entsprechen. Je nach Details der Umlaufplanung muss dafür sogar im schlimmsten Fall ein zusätzlicher Fahrzeugumlauf gefahren werden.

Verkehrliche Bewertung
Dem betrieblichen Mehraufwand stehen keine zusätzlichen Einnahmen aus Fahrscheinverkauf entgegen. Eine verstärkte Bedienung der Haltestelle Berliner Ring ist aus Sicht der Nachfrage weder heute noch zukünftig notwendig. Die aktuell im Bereich der Schweinfurter Straße zu beobachtenden städtebaulichen Entwicklungen betreffen alle nicht ÖPNV-affine Ansiedlungen (z.B. Lidl oder Hotelturm). Der geringe Anteil zusätzlicher ÖPNV-Nachfrage, der in diesem Bereich entsteht, ist problemlos mit den heutigen Angeboten zu bewältigen. Perspektivisch bietet die Strecke große Kapazitätsreserven, indem auch nach Grombühl 40m-Züge eingesetzt werden. Die Grombühlbrücke kann dafür problemlos ertüchtigt werden, indem das zulässige Gesamtgewicht der Brücke im Schwerlastverkehr herabgesetzt wird (dann können 40m-Straßenbahnen im Brückenbereich kreuzen) oder Begegnungsverbot für Straßenbahnen angeordnet wird.
Auch, wenn im Bereich hinter dem Hotelturm eine Multifunktionshalle gebaut werden sollte, benötigt man zu deren Bedienung keine Wendeschleife am Berliner Ring; Veranstaltungen werden dort von Freitag abends bis Sonntag nachmittags zu erwarten sein, also dann, wenn die heutigen Straßenbahnangebote noch reichlich Kapazität frei haben. Ein sehr großer Teil der Besucher kommt aber von auswärts und wird zu Fuß vom Hauptbahnhof kommen und die Straßenbahn nicht benötigen.