„Sparen, koste es was es wolle“?

Die Würzburger ÖPNV-Politik steckt in der Sackgasse

„Vom Sparen allein wird keiner gesund“ titelte die Mainpost am 2.11.16 im Wirtschaftsteil zum Thema, wie man ein auf die Abwärtsbahn geratenes Unternehmen wieder auf positiven Kurs bringt. In der gleichen Ausgabe wird über den Start des von Grund auf neu aufgestellten Nachtbusverkehrs der WSB berichtet, der sich nach aktuellen Zählungen zu einem vollen Erfolg entwickelt. Der Zusammenhang zwischen beiden Nachrichten ist offensichtlich: Man kann ein Unternehmen „zu Tode sparen“, man kann es aber stattdessen auch mit neuen Ansätzen auf der Höhe der Zeit, mit einer unterstützenden Behandlung in die Lage versetzen, seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren und dann selbst Stück für Stück den Weg der Gesundung zurückzulegen. Aber ohne die Verabreichung einer passenden Medizin klappt dies in den meisten Fälle nicht….

Erstmals wird das Defizit der Würzburger Straßenbahn GmbH (WSB) innerhalb des städtischen WVV-Konzerns aufgrund des drastischen Preisverfalls im Energiebereich nicht mehr vollständig im Rahmen des steuerlichen Querverbunds abgedeckt werden können, sondern auf den Haushalt der Stadt Würzburg durchschlagen. Es ist nicht anzunehmen, dass sich zukünftig an dieser für die Zukunft der Stadt Besorgnis erregend Entwicklung etwas ändern könnte; im Gegenteil ist davon auszugehen, dass die Defizitanteile, die der Kämmerer von der WVV übernehmen und in den Haushalt einstellen muss, in den kommenden Jahren deutlich höher werden.

Über 15 Jahre hinweg ist versucht worden, das Defizit der WSB durch Angebotskürzungen, jährliche Tarifsteigerungen und Vermeidung wichtiger Investitionen in den Griff zu bekommen. Weil die Einsparversuche ausschließlich nach innerbetrieblichen Kriterien erfolgt sind, hatten und haben sie massive Fahrgastverluste zur Folge. Diese Strategie ist nun endgültig gescheitert. Ein Kurswechsel bei Politik und WVV ist unvermeidbar geworden, will man nicht eine Entwicklung riskieren, die am Ende nicht nur für die WVV, sondern für die Kommune selbst nicht mehr beherrschbar sein wird.

„Rekord bei Fahrgastzahlen in Augsburg“, „Neuer Fahrgast-Rekord in Nürnberg“ (Zitate Schlagzeilen örtlicher Medien) – überall in Deutschland lesen sich die Schlagzeilen ähnlich. Während der Verband deutscher Verkehrsbetriebe (VDV) für 2015 zum achtzehnten Mal in Folge einen bundesweiten Anstieg der Fahrgastzahlen im Öffentlichen Nahverkehr bekanntgeben konnte, ist in den vergangenen Jahren in Würzburg das Gegenteil passiert: seit 15 Jahren verliert die WSB mal mehr, mal weniger Fahrgäste. Weniger Fahrgäste bedeuten weniger Einnahmen aus Fahrscheinverkauf und das schlägt auf das Jahresergebnis der WVV durch.

Vergleich Fahrgäste VDV-WÜ

Die stetige Abwärts-Entwicklung der Nachfrage bei der WSB ist als dramatisch zu bezeichnen; kein anderer vergleichbarer Verkehrsbetrieb in Deutschland ist von einer auch nur ähnlich negativen Entwicklung betroffen. Die Verkehrsbetriebe, die Straßenbahnen betreiben, verzeichnen besonders starke Fahrgastgewinne, während in Würzburg gerade die Straßenbahn besonders starke Einbußen verzeichnet – ein trauriges Alleinstellungsmerkmal!

Das, obwohl Würzburg nicht mit sinkenden Einwohnerzahlen zu kämpfen hat. Durch die weiter stark wachsende Zahl der Studierenden steigt die Würzburger Wohnbevölkerung vielmehr deutlich an, und die daraus resultierenden Steigerungen der Fahrgastzahlen in Bus und Bahn sind in den Jahresstatistiken der WVV auch enthalten. Weil es bisher aber keine detaillierten Zählungen zu den Fahrgastzahlen aus dem Semesterticket gibt, sondern nur Hochrechnungen, ist der Nachfrageanteil des Semestertickets in der Grafik abgeschätzt angegeben – die hellblaue Kurve stellt eine mittlere Variante zwischen dem maximalen und dem minimalen Anteil dar.

Besonders zu beachten ist auch: Busverkehre können keine neuen Fahrgäste gewinnen, sondern verlieren oder halten bestenfalls ihr Niveau. Es sind nur die Bahnverkehre, die neue Fahrgäste gewinnen, und zwar auf kräftigem Niveau. Das betrifft ganz besonders Straßenbahnen, aber auch U- und S-Bahnen (in der Straßenbahn-Kurve nicht enthalten).

Die Mutmaßung der WVV, an den besonders starken Fahrgastverlusten des Jahres 2015 (-700.000) könnten die gesunkenen Spritpreise schuld sein bietet keine plausible Erklärung. Wenn in ganz Deutschland die Spritpreise sinken und zugleich die Fahrgastzahlen trotzdem überall deutlich steigen, nur in Würzburg zurück gehen, dann sind die Ursachen in Würzburg zu suchen.

Ebenfalls in die Irre führt der Erklärungsversuch der WSB, der Ausbildungsverkehr leide unter zurück gehenden Schülerzahlen. Ganze 59 Schüler weniger in der Stadt Würzburg im Jahr 2015 sollen die Ursache für einen Nachfragerückgang um 700.000 Fahrten liefern? Im Gegenteil sorgen mittlerweile bald 30.000 Studenten mit Semesterticket dafür, dass der Ausbildungsverkehr bei der WSB auf einem Allzeithoch boomt. Auch 2015 ist die Zahl der Studierenden wieder um knapp 900 angestiegen.

Vergleich Fahrgäste FR-WÜ

Seit 2000 hat die WSB in direkter Folge von Fahrplankürzungen und Verschlechterungen der Fahrplanstruktur (Beseitigung von Umsteigeanschlüssen, Zusammenlegen von Haltestellen) ganz überwiegend im Straßenbahnnetz insgesamt 41 Millionen Fahrten verloren; zwischen 26 und 27 Mio. € Erlöse aus Fahrscheinverkauf sind deswegen nicht in den Kassen der WSB gelandet. Eingespart wurde mit den Kürzungen dagegen herzlich wenig, denn über 85% der Gesamtkosten eines Straßenbahnbetriebs fallen für den Unterhalt der Gleisanlagen an, egal, wie viele Bahnen dort fahren. Wenn eine Straßenbahn steht anstatt zu fahren, ist außer etwas Strom nichts gespart – die Wagen sind weiterhin da, aber sie können keine Einnahmen mehr produzieren. Sie kosten nur noch Geld. Freiburg hat dagegen seine Straßenbahn zielstrebig ausgebaut und kann daher seit Langem jährlich immer neue Fahrgastzuwächse verzeichnen.

Mit dem Rotstift in der Hand kann man keine Straßenbahn betreiben; einen Straßenbahnbetrieb wirtschaftlich zu führen gelingt immer nur, indem man durch gute Angebote so viele Fahrgäste wie möglich gewinnt, die die Kassen durch den Kauf von Fahrscheinen füllen. Straßenbahnen müssen fahren, fahren, fahren – nur dann können sie wirtschaftlich funktionieren. Es hat keinen Sinn, mit einem „Würzburger Sonderweg“ etwas zu versuchen, was bis heute noch niemand auf der Welt geschafft hat.

Defizitkurven

Während Würzburg ohne Investitionen trotzdem sein Defizit nicht in den Griff bekommt, hat Freiburg das mit kräftigen Investitionen geschafft: hier zeigt der Langzeittrend klar, dass das Defizit im Jahresschnitt gesunken, in Würzburg aber stetig gestiegen ist. In Freiburg ist der typische Wechsel von steigendem und sinkenden Defizit zu erkennen, der durch die Abfinanzierung der Investitionen einerseits und durch den Nutzen, den die bezahlten Investitionen dann entfalten andererseits bedingt ist. In Würzburg wird dagegen Schaden erzeugt, denn zukunftssichernde Investitionen gibt es seit 20 Jahren nicht mehr.

Wir haben nur eine Wahl: Entweder immer mehr Geld ausgeben, um das steigende Defizit der WSB zu finanzieren und dabei trotzdem immer mehr Fahrgäste und Einnahmen zu verlieren – zum Fenster hinaus geworfenes Geld ohne Nutzen: der „Abwärtsstrudel“. Oder wir geben das Geld lieber dafür aus, Investitionen zu finanzieren, mit denen es in der Zukunft wieder besser wird. Dann bekommen wir auch wieder mehr Fahrgäste, mehr Einnahmen aus Fahrscheinverkauf und weniger Defizit, mehr Geld für Investitionen im städtischen Haushalt: die „Aufwärtsspirale“. Es gibt keinen Mittelweg, nur diese beiden Alternativen.

Allein wegen der Angebotskürzungen ist das Defizit der WSB seit 2000 jährlich um ca. 2,2 Mio. € höher ausgefallen. Das Sparen hat deutlich mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht. Hätte Würzburg nicht seine Angebote, vor Allem bei der Straßenbahn, seit 2000 so massiv verschlechtert und ausgedünnt, dann wäre die WVV jetzt kein Kostgänger des städtischen Haushalts, sondern hätte bei über 2 Mio. geringerem WSB-Defizit einem Gewinn in Höhe von 1,5 Mio. € ausweisen können.

Ist die Lage in anderen Straßenbahnstädten besser? Ja, deutlich besser, und das bundesweit – Beispiel Kassel: In Kassel stand die Straßenbahn vor drei Jahrzehnten vor dem „Aus“, weil über Jahrzehnte keine Investitionen in neue Strecken und Fahrzeuge getätigt worden waren; dadurch war das Defizit auf unvorstellbare 60 Mio. DM angewachsen – eine Situation genau wie in Würzburg heute. Vor dem Hintergrund dieser Situation wurde der Verkehrsbetrieb einer „Rosskur“ unterzogen – es wurden rund 30 km Straßenbahnstrecke neu gebaut und der Wagenpark erneuert. Damit hat Kassel sein Defizit um die Hälfte auf heute 17 Mio. € gedrückt – soviel wie Würzburg, aber bei doppelt so hoher Einwohnerzahl und einem dreimal so langen Straßenbahnnetz.
Bei guten Angeboten steigen die Fahrgastzahlen und damit die Einnahmen immer und überall stark an – Beispiel Straßburg: Die Straßburger Straßenbahn erreicht im Betrieb eine Kostendeckung von 120%; damit verdient sie einen anständigen Teil der Unterhaltskosten für das Gleisnetz selbst und entlastet die Kommune.

Wer über die Grenzen der WVV hinaus denkt wird rasch erhebliche Einsparmöglichkeiten durch ein gutes Straßenbahnangebot auch für die Stadt Würzburg entdecken: In den Freiburger Straßenbahnen sitzen bei jeder Fahrt rund 50 Menschen, die für diese Fahrt ihren PKW freiwillig in der Garage stehen lassen. Damit werden stadtweit ca.16.000 PKW-Fahrten vermieden – täglich! Bei Einsatz von Bussen wäre mit maximal 4.000 eingesparten PKW-Fahrten zu rechnen. Genau so könnte es in Würzburg auch sein, und genauso ist es heute schon bei der Heuchelhofstrecke.

Wir haben die Wahl: steigende Fehlbeträge der WSB, die die WVV nicht mehr abdecken kann, verringern 1:1 den Spielraum des städtischen Haushalts für Investitionen. Es gibt nur einen Ausweg: schieben wir jetzt die notwendigen Investitionen an, mit deren Hilfe sich die WSB selbst aus dem Dilemma befreien und zu einem dauerhaft geringeren Defizit kommen kann. So, wie das viele andere Städte in Deutschland erfolgreich vorgemacht haben. Ohne Investitionen und Angebotsverbesserungen wird das nie gelingen; dass es mit Angebotsverbesserungen in Würzburg genauso klappt wie in anderen Städten auch zeigt die überaus erfreuliche erste Fahrgastzählung beim neuen Nachtbusverkehr, den schon ab dem ersten Betriebstag jedes Wochenende über 1.200 Fahrgäste nutzen.

Fahrtzweck im SPNV (Quelle_BEG)

(Quelle: Bayerische Eisenbahngesellschaft, BEG)

Wenn der Ausbildungsverkehr zurückgeht wäre es der falsche Weg, dies kommentarlos einfach hinzunehmen. Vielmehr muss dann mit Marketingmaßnahmen und einer passenden Neuaufstellung des Angebots -so wie beim Nachtbus richtig geschehen- der Tatsache Rechnung getragen werden, dass längst nicht mehr Schüler und Berufspendler dominieren, sondern Ausflügler, Einkäufer und Nachtschwärmer. Was die Bayerische Eisenbahngesellschaft BEG für den Eisenbahnverkehr in Bayern nachgewiesen hat gilt etwas abgeschwächt auch für unsere Straßenbahnen und Busse. In den Freizeitaktivitäten (einschließlich Einkaufen) liegt der große Markt, den die WSB aktiv angehen muss, dort kann sie die Einnahmen erzielen, die es bei Schülern und Berufspendlern immer weniger zu holen gibt.

Um den Abwärtsstrudel der WSB aufzuhalten und umzukehren ist rasch ein grundlegendes Umdenken erforderlich; ohne weitere Zeit zu verlieren muss nach Abschluss des Planfeststellungsverfahrens unverzüglich die Realisierung der Linie 6 angegangen werden; ohne diese mit weitem Abstand wichtigste Investition ist eine wirtschaftliche Sanierung der WSB nicht denkbar. Wir sind daher Herrn Geschäftsführer WVV Thomas Schäfer sehr dankbar dafür, dass er sich in diesem Sinne mit den Worten „Wir brauchen diese Linie“ (BR-Fernsehen, Frankenschau 03.05.2016) klar zum Bau der Linie 6 bekannt hat.

Kommentieren ist momentan nicht möglich.