Zentralhalt Stadtmitte

Bevor wir zur Beschreibung des heutigen Zustands und möglicher Verbesserungen kommen, ein kleienr Ausflug in die Geschichte:

Zustand vor 1973: Zentralhaltestelle Juliusspital

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Es gab noch keine Fußgängerbereiche im Zentrum, und die Straßenbahnlinien 1, 2 und 3 hielten alle an einer Haltestelle vor dem Juliusspital. Die Busse ins Frauenland (6 und 16) fuhren -ähnlich wie heute noch- in einer großen Schleife vom Theater über Spiegel-, Eichhorn- und Schönbornstraße zum Juliusspital, wo sie auf gleicher Höhe wie die Straßenbahnen am Gehsteig gegenüber ihre Haltestelle hatten. In Richtung Frauenland fuhren sie wie heute noch weiter durch die Theaterstraße.

Zustand von 1973 bis 1999: Zentralhaltestelle Dominikanerplatz und neue Linie 4 Sanderau – Zellerau

City1990

Mit dem ersten Fußgängerbereich Schönbornstraße wurde eine neue Zentralhaltestelle am Dominikanerplatz angelegt. Zusammen mit der Einführung einer neuen Linie 4 Sanderau – Zellerau erwies sich diese Konzeption als ein echter Glücksgriff und die neue Linie 4 wurde sofort sehr gut angenommen. Am Dominikanerplatz konnte man von und nach allen Richtungen mit kurzen Fußwegen rasch und ohne Autostraßen zu überqueren umsteigen. Weil die Straßenbahnhaltestellen als Doppelhaltestellen für zwei hintereinander haltende Bahnen ausgelegt waren, gab es eine verlässliche Umsteigebeziehung. Alle Straßenbahnstrecken (nach Grombühl, Heidingsfeld, in die Zellerau und die Sanderau) und die Busverbindung zum Frauenland wurden tagsüber alle 6 Minuten bedient. Abends wurde ein garantierter Anschlussknoten mit Fahrten von und nach Grombühl, Sanderau, Zellerau und Frauenland angeboten. Eine ganze Reihe Buslinien vom Hauptbahnhof in Richtung Gerbrunn, Lindleinsmühle, Versbach, Lengfeld wurden über die Juliuspromenade geführt und erhielten dort eine Haltstelle, die ebenfalls als Bestandteil der Zentralhaltestelle fungierte. Einziger Schwachpunkt: die Straßenbahnlinie 2 Zellerau – Hauptbahnhof konnte den Zentralhalt nicht bedienen, da die Juliuspromenade als Durchgangsstraße die Anlage einer Haltestelle an der Ecke Dominikanerplatz nicht zuließ. Weil aber zugleich eine neue Haltestelle Barbarossaplatz am Eingang zur Kaiserstraße angelegt worden war und dort sowohl umgestiegen als auch fußläufig die Innenstadt erreicht werden konnte, war dieser Nachteil zu verschmerzen.
Schließlich wurde 1989 die Straßenbahn zum Heuchelhof eröffnet und entwickelte sich aus dem Stand zur bestgenutzten Linie Würzburgs. Heidingsfeld, vordem abends per Bus bedient, war wieder ganztags mit Straßenbahnen erreichbar. Damit war der bis heute höchste je in Würzburg erreichte Qualitätsstand für Bus und Bahn erreicht. Die Fahrgastzahlen zum Heuchelhof verdoppelten sich, und der gesamte Würzburger ÖPNV wuchs im Gefolge der neuen Straßenbahn und der guten Netzverknüpfungen um mehr als ein Drittel.

Ab 1996: Der schleichende Tod der Doppelhaltestellen

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Mit der Einführung 30 – 32 m langer Fahrzeuge war absehbar, dass die Doppelhaltestellen zukünftig zu kurz sein würden, um zwei Fahrzeuge hintereinander halten zu lassen und Umsteigen zuverlässig zu garantieren. Das betraf die Doppelhaltestellen Sanderring und Dominikanerplatz, während am Hauptbahnhof durch den provisorischen Umbau die Anschlussverknüpfung weiterhin gewährleistet war. Erstmals deutete sich aber an, dass die erreichten Qualitätsstandards des ÖPNV-Angebots gefährdet sein könnten, wenn die Haltestellen nicht an die längeren Fahrzeuge angepasst werden würden.

1999 / 2000: bessere Zentralhaltestelle, schlechteres Angebot

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Die gute Nachricht für die Würzburger Innenstadt war, dass die Juliuspromenade nach langem Planungsvorlauf endlich zum Fußgängerbereich ausgebaut werden sollte. Dass sie dabei auch neue, im Vergleich mit dem Dominikanerplatz großzügige und attraktive Haltestellen aufnehmen sollte, war aber zwiespältig zu werten: Schöner und attraktiver wurde die neue Haltestelle, aber zugleich war sie auch der Auslöser für eine kräftige Angebotsverschlechterung: Das bislang gut integrierte Netzangebot wurde dadurch zerschlagen, dass die Linie 4 nun ohne Halt an der neuen Haltestelle Juliuspromenade vorbei fuhr, obwohl man sie problemlos durch einen Halt am Gleisdreieck hätte einbinden können. Einen garantierten Rundumanschluss abends und am Wochenende mit vier Straßenbahnen und dem Frauenlandbus zu gleicher Zeit gibt es nun nicht mehr. Stattdessen wird zu diesen Zeiten den Fahrgästen zwischen Sanderau und Zellerau nun eine Führung über den Hauptbahnhof zugemutet, die dafür sorgt, dass viele Menschen aus der Zellerau in die Innenstadt nun zu Fuß über den Zeller Berg und die alte Mainbrücke schneller am Ziel sind als mit der Straßenbahn. Seit 2010 gilt dieses Angebotsschema während der Sommerschulferien durchgehend an allen Tagen: ein 40%iger Nachfragerückgang wird als Begründung für eine 60%ige Angebotskürzung über 12% des Gesamtjahres angeführt, dabei nicht eingerechnet die strukturelle Angebotsverschlechterung durch den Fahrtweg der Linie 4 über den Hauptbahnhof. Die negativen Folgen stellten sich prompt ein: 1,2 Mio. Fahrgäste kehrten der Straßenbahn dauerhaft den Rücken. Mit ihrer Haltestelle am Ulmer Hof ist die Linie 4 seitdem kein Netzbestandteil mehr, sondern ein vereinzeltes Angebot ohne Netzsynergien, denn auch zwischen Dom und Sanderring, wo die Linien 4 und 5 fahrplanmäßig unmittelbar hintereinander fahren, gibt es keine Möglichkeit zum Umsteigen mehr. Gleiches gilt für die unmittelbar hintereinander fahrenden Linien 1 und 3 im gleichen Abschnitt. Wer z.B. aus der Sanderau zum Hauptbahnhof will, hatte bislang alle 6 Minuten eine Verbindung, nun nur noch alle 12 Minuten – für den Verkehrsbetrieb ist dabei der Aufwand der Gleiche, es ist nichts eingespart, aber hohe Einnahmeverluste lassen das Defizit erheblich ansteigen.

Es geht weiter abwärts: Angebotsausdünnung und Anschlusszerstörung ab 2003

Fahrgastzahlen
Quelle: Geschäftsberichte der WSB

Ursprünglich als vorüber gehender Beitrag der WSB zur Sanierung der kommunalen Finanzen für die Zeit der Haushaltssperre deklariert, wurde der bisher tagsüber durchgehend gefahrene 6-Minuten-Takt ab ca. 9:00 durch einen 7,5-Minuten-Takt ersetzt und zwar dauerhaft. Trotz längst vergessener Haushaltssperre wurde das ÖPNV-Angebot regelmäßig immer weiter verschlechtert. Bleiben wir bei unserem Beispiel der Verbindung Sanderau – Hauptbahnhof, die nun innerhalb von nur vier Jahren dauerhaft von alle 6 Minuten über alle 12 Minuten auf nun alle 15 Minuten ausgedünnt wurde, eine Reduzierung von einst 10 über dann 5 auf nun nur noch 4 stündliche Verbindungen oder um 60%!

Ursprüngliche Planung der WSB für die Linie 6: noch weiter gehende Zerstörung des ÖPNV-Angebotes

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Ähnlich wie die Linie 4 wollte die WSB die Linie 6 zunächst ohne Halt an der Zentralhaltestelle Juliuspromenade vorbei fahren lassen. Stattdessen sollte an der Semmelstraße eine Haltestelle ohne Umsteigemöglichkeiten angelegt werden, die mit der Haltestelle Ulmer Hof der Linie 4 vergleichbar gewesen wäre. Bis heute ist die Relation Innenstadt – Frauenland im Busverkehr noch sehr gut mit den Straßenbahnen am Juliusspital verknüpft. Geplant war, mit der Umstellung auf Straßenbahn diese Verknüpfung zu beseitigen und die neue Linie 6 von Anfang an zu einem nicht in das ÖPNV-Netz integrierten, vereinzelten Angebot zu machen wie im Jahr 2000 die Linie 4. Hauptbahnhof – Semmelstraße ohne Halt, keine zumutbaren Umsteigebeziehungen mehr: eine neue Straßenbahn als drastische Angebotsverschlechterung gegenüber dem heutigen Busbetrieb – wer soll das noch nachvollziehen können? Damit nicht genug, sollte die heute genau richtig liegende Haltestelle am Theater auf den Residenzplatz verlegt werden, also vom Zentrum der Nachfrage inmitten einer Kreuzung mit vier Hauptstraßenachsen und kurzen Fußwegen zu einer Fülle wichtiger Ziele hin zu einem prachtvollen Platz, der aber im Sinne der Fahrgäste völlig abseits vom Schuss liegt. Wäre es dabei geblieben, hätte sich ernsthaft die Frage nach Sinn und Zweck dieser Straßenbahn gestellt.
Die Agenda 21 Würzburg hat rechtzeitig gegen diese Planungen interveniert und unter dem Stichwort „Straba plus – das bessere Straßenbahnkonzept“ [PDF, 2.6MB] die Diskussion um eine bessere Lösung eröffnet. Dazu siehe den nächsten Absatz.

Wunden heilen, Kursänderung Richtung Erfolg: Zentralhaltestelle und eine bessere Linie 6

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Die Intervention der Agenda 21 Würzburg [PDF, 2.6MB] hat entscheidend mit geholfen, das Ruder noch rechtzeitig herum zu reißen und nicht nur für die geplante Linie 6, sondern für das Gesamtnetz des ÖPNV in Würzburg eine bessere und die einzig Erfolg versprechende Haltestellenkonzeption festzuschreiben: statt neuer Haltestellen an der Semmelstraße und am Residenzplatz bleibt der bewährte Halt am Theater erhalten. Die Linie 6 erhält in der Position der ehemaligen Haltestelle Barbarossaplatz eine in die Zentralhaltestelle Stadtmitte / Juliusspital integrierte Halteposition. Damit ist zunächst die Gefahr einer weiteren Zerstörung des ÖPNV-Netzes wie es die ursprüngliche Planung beinhaltet hätte, gebannt.

Wenn dann -was leider noch nicht politisch beschlossen ist- der Fehler der Vergangenheit, der mit der Herauslösung der Linie 4 aus dem Netz entstanden ist, wieder gut gemacht wird, werden die Fahrgastzahlen auch wieder deutlich steigen. Der Halt am Ulmer Hof muss aufgelöst und an das Gleisdreieck Juliusspital zurück verlegt werden, so dass auch die Linie 4 wieder in den Zentralhalt Stadtmitte / Juliusspital integriert werden kann. Dann kann wieder wie schon vor 2000 ein qualitativ hochwertiger Umsteigeknoten mit Sammelanschluss im Abend- und Wochenendverkehr angeboten werden. Die Konzeption der Agenda 21 beinhaltet darüber hinaus auch eine Erweiterung der Straßenbahn in den Norden der Stadt (Lindleinsmühle, Lengfeld und Versbach) – dort wird an den Schnittpunkten mit B8 und B19 wie auch in der Sanderau (B 13 / Mittlerer Ring) die Anlage von P+R-Stationen möglich. Die Zentralhaltestelle in der von uns vorgeschlagenen Konzeption mit insgesamt 8 Haltepositionen ist nachhaltig und zukunftsfähig ausgelegt und kann diese zusätzlichen Verkehre ohne weiteren Umbau aufnehmen. Mit ihr wird das Stadtzentrum auf viele Jahrzehnte allen verkehrlichen Herausforderungen gegenüber gewappnet sein.

Unser Fahrplankonzept zeigt, dass dies ohne Wagenmehrbedarf für die WSB möglich ist.