Richtiges Rasengleis für die Linie 6!

Nach der langen Dürreperiode mit extrem hohen Temperaturen im Sommer 2013 hat sich der Rasen durch die Niederschläge um den 20.8. zumeist rasch und gründlich erholt. Das betrifft z.B. den Abschnitt von der Friedensbrücke bis zur Frankfurter Straße (links), an der Mergentheimer Straße und entlang des Sanderrings bis zur Löwenbrücke. Doch nicht überall sieht es so aus. So ist das Rasengleis in der äußeren Zellerau nahe der Wendeschleife völlig zerstört (rechts); es wurde erst vor zwei Jahren neu angelegt:

Rasengleis Neuenerplatz Frankfurter Str

Was hat, bei praktisch identischem Witterungsgeschehen und Entfernungen von oft nur wenigen hundert Metern voneinander, dieses völlig unterschiedliche Erscheinungsbild verursacht?

Die Rasengleise der ersten Generation, inzwischen ohne großen Pflegeaufwand bis zu 27 Jahre alt, sind auf einem Betongitterrost aufgebaut (Bild: 1985 Mergentheimer Straße), der ausreichende Verbindung mit dem Grundwasser garantiert:

Mergentheimer Str 1985

Obwohl der Rasen nicht gewässert wird und daher in Abhängigkeit von den Niederschlägen vielfach wochen-, ja monatelang völlig vertrocknet erscheint, reichen die Regenerationskräfte durch die Verbindung zu Boden und -indirekt- Grundwasser aus, wieder ein vitales Wachstum zu erreichen sobald Niederschläge einsetzen.

Anders bei den Rasengleisen der zweiten Generation (ca. ab 2000). Hier wurde der Oberbau auf einer durchgehenden Betonplatte aufgebaut, es besteht keine Verbindung zum Boden (Bild: Beispiel äußere Zellerau).

Betonwanne Zellerau

Unter identischen Rahmenbedingungen wie beim Rasengleis auf Betonrost wird hier schon nach kurzer Dürrephase der permanente Welkpunkt des Rasens erreicht, der gesamte Raum bis zur Betonplatte trocknet völlig aus und der Rasen kann sich nicht mehr revitalisieren:

vertrockneter Rasen

Das Rasengleis wirkt nicht nur hässlich und verwahrlost, es kann auch seine Funktionen (s.u.) nicht mehr erfüllen. Nahezu messerscharf abgegrenzt ist dieser Effekt anhand eines Beispiels aus Berlin zu sehen – Rasengleis mit durchgehender Betonplatte, aber immer nur unter dem Gleis, nicht zwischen beiden Gleisen (das folgende Bild zeigt den Unterbau eines Berliner Rasengleises während des Baus).

Bau Berliner Rasengleis

Nach einer längeren Dürreperiode -bei typisch kontinentalen Berliner Klimabedingungen ein- bis zweimal jährlich normal- bildet der Zustand des Rasens exakt den Unterbau mit Betonplatten unter den Gleisen und durchgehender Verbindung zu Boden und Grundwasser zwischen / neben den Gleisen ab. Über den Betonplatten ist alles verdorrt, nebendran mit Verbindung zum Boden kann sich der Rasen halten:

Rasengleis Berlin


Daraus sind zwei Schlussfolgerungen möglich:

1. Damit ein Rasengleis seine Funktionen (Reduzierung der Lärmemissionen, Feinstaubbindung und Temperatursenkung durch Förderung der Verdunstung, sowie -last but not least- städtebauliche und urbane Aufwertung) erfüllen kann, bedarf es einer Bauweise, die eine direkte Verbindung zu Boden und Grundwasser belässt und zusätzlich ausreichendes Wasserspeichervolumen durch Anlage entsprechend wirksamer Mulden seitlich der Gleise garantiert. Damit übersteht ein Rasengleis auch zwei, ja bis zu drei Wochen hochsommerlicher Witterung.
Siehe dazu die Ergebnisse aus Langzeitforschung durch die TU Dresden, zwei Seiten mit Aufbauschema des Dresdner Rasengleises – es entspricht dem Kasseler Rasengleis, das zukünftig in Würzburg eingebaut wird- und speziell der seitlichen Speichermulden:

2. Rasengleis kann nicht auf eine durchgehende Betonplatte aufgebaut werden, es sei denn, es wird bei hochsommerlichen Witterungsbedingungen regelmäßig gewässert. Das ist in Würzburg nicht der Fall, die völlige Austrocknung und Versteppung wie in der Frankfurter Straße die unvermeidbare Konsequenz.

Bereits im Ergebnis der ersten Anhörung im Planfeststellungsverfahren zum Bau der Linie 6 wurde der Einwendung der Agenda 21 Würzburg (AK Mobilität und Regionalentwicklung) stattgegeben, dass zukünftig in Würzburg Rasengleise Bauart „Kassel“ eingebaut werden sollen.

Damit kann sich nun auch in Würzburg eine Rasengleisbauform durchsetzen, die nicht nur hinsichtlich der ökologischen Aspekte und der Auswirkungen auf das Stadtbild alle Erwartungen erfüllen kann, sondern auch die mit Abstand preisgünstigste Variante darstellt. Nun muss darauf geachtet werden, dass bei der Bauausführung die Anlage seitlicher Speichermulden mit berücksichtigt wird, nur so wird sich beim Würzburger Klima und der fehlenden Bewässerung sicherstellen lassen, dass die Rasengleise ihren Zweck erfüllen können.

Wie perfekt auch in Würzburg Rasengleise ihre Aufgabe erfüllen können, zeigt z.B. auch der genau 25 Jahre alte Abschnitt in Heidingsfeld entlang der Reuterstraße:

Reuterstr

Wir erinnern uns: Der damalige Pfarrer der St. Paulskirche drohte damit, die Kirche aufzugeben, wenn die Straßenbahn gebaut werde, weil der Gemeindebetrieb dann im Verkehrslärm untergehen werde. Nur wenige Meter weiter in Richtung Heuchelhof ist dann plötzlich Ende dieser schönen Situation:

Rasengleis Ende

Hier befand sich seit 1989 bis zur Eisenbahnbrücke ebenfalls ein Rasengleis bester Qualität. Damit war Schluss, als die WSB in diesem Abschnitt ca. 2000 die Gleise auswechselte und danach keine Anstrengungen unternahm den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Seitdem bietet sich die Gleisanlage in einem verwahrlosten und städtebaulich inadäquaten Zustand dar:

Moosgleis

Offenbar ist im tiefst gelegenen Bereich an der Haltestelle Klingenstraße keine funktionsfähige Entwässerung gegeben, denn außer etwas Moos gibt es keine Vegetation und dem Boden ist die Staunässe mit bloßem Auge anzusehen. Die anderen, höher gelegenen Abschnitte sind dagegen versteppt. Als 2012 im Umfeld der Haltestelle Steinbachtal Teilabschnitte der Gleisanlage erneuert wurden, wurde dagegen auch die Raseneindeckung so wiederhergestellt, dass die Anlage einen guten und städtebaulich ansprechenden Eindruck macht.

Fazit: Es geht also auch in Würzburg, wenn man nur will und sich an bewährten Rezepten orientiert anstatt mal so und mal so herum zu experimentieren. Und ein Minimum an Pflege ist unverzichtbar. Das heißt auch, vor allem bei weiteren Umbaumaßnahmen in der Frankfurter Straße ist rechtzeitig vorab darauf zu achten, dass sich die Fehler des ersten Bauabschnitts auf keinen Fall wiederholen! Die durchgehende Betonplatte muss entfernt oder angepasst werden, bevor an den Einbau von Rasen gedacht werden kann. Ebenso wäre es eine politische Aufgabe, von der WSB die Wiederherstellung eines ordentlichen Rasengleises in Heidingsfeld zu fordern.