Die Linie 6 gibt es jetzt fast geschenkt!

Paukenschlag aus München

Die Bayerische Staatsregierung hat am Mittwoch, 18.07.2017, angekündigt [externer Link], Maßnahmen zur Verbesserung des ÖPNV mit direktem Bezug zur Verbesserung der städtischen Luftqualität in besonders belasteten Situationen über fünf Jahre hinweg mit außerordentlich hohen Sätzen zu fördern. Stadt Würzburg und WVV wurden am gleichen Tag darüber und über die Maßnahmen im Einzelnen informiert – mit diesem Maßnahmenkatalog rückt der Bau der Linie 6 für Würzburg ganz in den Vordergrund. Mit über 80% Reduzierung der NOx-Belastungen im Kernbereich der höchsten Luftverschmutzung weist kein Vorhaben in Würzburg einen so hohen Nutzen in Sachen Verbesserung der Luftreinhaltung auf wie die Straßenbahnstrecke ins Frauenland und zur Universität.

Ministerpräsident Seehofer (CSU) hat im Rahmen der Bekanntgabe des Maßnahmenpakets zur Luftreinhaltung die besonders hohe Effizienz des Baus neuer Straßenbahnstrecken in Bayern betont – sie seien rasch zu realisieren und dabei vergleichsweise preisgünstig zu haben. Es müssten lediglich im einen oder anderen Fall noch Schranken in manchen Köpfen beseitigt werden, die der Umsetzung teilweise seit langen Jahren betriebener Planungen für neue Straßenbahnstrecken bislang entgegen gestanden hätten. Würzburg wurde dabei konkret als eine von vier bayerischen Städten benannt, für die Gelder für neue Straßenbahnvorhaben zur Verfügung gestellt würden.

Wie die Staatskanzlei mitteilt, wird die Beschaffung neuer Straßenbahnwagen, für die es unter normalen Umständen gar keinen Anspruch auf Förderung, sondern nur in besonders begründeten Einzelfällen Fördermittel gibt, in den kommenden 5 Jahren mit voraussichtlich 50% gefördert – allerdings nur, sofern es sich um Neubedarf handelt, mit dem die Luftverschmutzung deutlich reduziert wird. Beim Ersatz von Dieselbussen durch Straßenbahnen gibt es diesen Fördersatz, jedoch NICHT beim Ersatz alter Straßenbahnen durch neue: „Strom“ durch „Strom“ zu ersetzen ist nicht Sinn des Maßnahmenpakets Luftreinhaltung.

Eine solche Chance kommt einmal und nie wieder – auf fünf Jahre ist das Maßnahmenpaket zur Luftreinhaltung aus München begrenzt, innerhalb dieses Zeitraums muss Würzburg nun die Realisierung der Linie 6 in Gang bekommen.

Da Würzburg mit der Linie 6 ohnehin wegen des besonderen Interesses der Staatsregierung an der guten Anbindung von Universitätsstandorten beim Streckenbau in die höchste Förderkategorie (90%) aufgerückt ist, sollte die Realisierung der Straßenbahn ins Frauenland, zur Universität und in den neuen Stadtteil Hubland nun bei Politik und WVV absolute Priorität erhalten und auch problemlos finanziert werden können.

Es gibt wohl nur wenige Projekte, mit denen eine so effiziente Verbesserung der Luftbelastungssituation möglich wird wie mit dem Bau der Linie 6 – schließlich tragen hier aktuell um die 800 Linienfahrten mit Dieselbussen dazu bei, dass der Korridor Rennweger Ring – Residenz – Theaterstraße – Bahnhofstraße die am höchsten mit Stickoxyden belastete Achse in der Innenstadt darstellt. Die dortigen Belastungen würden durch den Bau der Linie 6 und die mit ihr verbundenen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen um über 80% zurückgehen.

Emissionen Theaterstr.
NOx-Emissionen Würzburg, Achse Hbf. – Rennweg, Querschnitt Theaterstraße nach Angaben der Stadt Würzburg (Gesamtwerte) bzw. Berechnungen der Agenda 21 Würzburg (Aufteilung nach Fahrzeugarten)
Emissionen Theaterstr.
Reduzierungspotenziale der NOx-Emissionen (ebendort) durch Bau der Straßenbahnlinie 6 gem. Planfeststellungsverfahren; Berechnungen: Agenda 21 Würzburg
Emissionen Theaterstr.
Vergleich NOx-Emissionen (ebendort) ohne Straßenbahnlinie 6 (links) und mit Straßenbahnlinie 6 (rechts); Berechnungen: Agenda 21 Würzburg

Politik und Stadtgesellschaft waren und sind sich seit dem Ergebnis des Bürgerbegehrens zum Kardinal-Faulhaber-Platz darin einig, dass es nun an der Zeit ist, endlich attraktive Alternativen zum Autoverkehr zu fördern. Die Initiative der Bayerischen Staatsregierung zur Förderung des elektrischen ÖPNV bezweckt genau das und ist die ideale Gelegenheit, damit nun zeitnah zu beginnen, das weitgehend planerisch vorbereitete Projekt der Linie 6 der ideale Ansatzpunkt.

Nun hoffen wir, dass es rasch zum Erörterungstermin im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens kommt, um das Projekt „Linie 6“ zügig weiter voran bringen zu können.

Es ist eine wirklich einmalige Chance, die sich da durch das Aktionsprogramm der Bayerischen Staatsregierung zur Förderung von Maßnahmen zur Luftreinhaltung für Würzburg auftut: jetzt bekommen wir die Straßenbahnlinie 6 in des Wortes wörtlichster Bedeutung geschenkt – wenn man die geringen Eigenmittelanteile, die Würzburg nun noch selbst bezahlen muss, gegen jene Ausgaben abwägt, die die Stadt schultern müsste, wenn sie die Linie 6 nicht realisiert, dann wird die Linie 6 nicht nur zum Geschenk, es bleibt der Stadtkasse und dem WVV-Haushalt vielmehr noch ein satter Millionenbetrag erspart, der ansonsten unweigerlich in den kommenden Jahren aus kommunalen Quellen fällig würde – bliebe es beim Omnibusbetrieb, so wäre dieser ja auch nicht umsonst zu haben, sondern im Gegenteil mit hohen Ausgaben für einen dann sehr großen neuen Busbahnhof verbunden, von dem noch nicht einmal klar ist, wo er in der erforderlichen Größe überhaupt unterzubringen wäre.

Das ist eine Riesenchance nicht nur im Sinne der Luftreinhaltung, sondern für die gesamte Stadtentwicklung wie auch zur Gesundung des Haushaltes der WVV.

Alle politischen Kräfte mit Ausnahme der Würzburger Liste unterstützen das Projekt Linie 6 und haben es immer nur von den Möglichkeiten der Finanzierung abhängig gemacht. Diese Hürde hat Ministerpräsident Seehofer nun so tief gelegt, dass Würzburg sie schadlos überspringen kann. Es sollten also nun alle politischen Hindernisse ausgeräumt sein, die der Realisierung der Linie 6 entgegen stehen.

Die WVV hat aber bislang die Priorität ihrer Investitionen anders gesetzt als es nun, nach der überraschenden Bekanntgabe des hochkarätigen Förderprogramms aus München zu sehen ist. Ministerpräsident Seehofer hat ein klares Zeitfenster benannt – die Luftreinhaltung soll im Gefolge des Diesel-Skandals Vorrang vor anderen Zielen erhalten. Die WSB möchte aber gerne jetzt ihren Fahrzeugpark erneuern und hat dabei einen Wunschzettel vorgelegt, der aus ihrer Sicht optimal erscheint, jedoch nicht in allen Punkten auch so erforderlich ist. Fünf sehr alte Bahnen (GT-D, Baujahr 1967 – 1975) müssen wirklich dringlich erneuert werden, weil ihr Weiterbetrieb mit hohen Auflagen der Aufsichtsbehörde verbunden und für die Fahrzeuge, die nun bis zu 50 Jahre Alltagseinsatz auf dem Buckel haben, nicht mehr wirtschaftlich wäre.

Auch die 20 Niederflurwagen, die seit 1995 in Betrieb sind (GT-N), müssen ab 2025 ersetzt werden, weil sie aus technischen Gründen einem raschen und starken Verschleiß unterworfen sind.

Die zur Eröffnung der Heuchelhofstrecke 1989 beschafften 14 Züge des Typs GT-E sind hingegen noch lange nicht am Ende ihrer Jahre. Es sind vielmehr die besten und zuverlässigsten Arbeitspferde im Stall der WSB, und mit einer Laufleistung von ca. 1,5 Mio. km haben sie gerade mal die Hälfte eines durchschnittlichen Straßenbahnlebens absolviert. Sie müssen lediglich eine neue Steuerungselektrik erhalten, die für 170.000 € inklusive Einbau auf dem Markt angeboten wird, dann können sie problemlos mindestens bis 2030 eingesetzt werden. Weil das so einfach und so kostengünstig zu haben ist, wurden und werden in Deutschland und im Ausland viele hundert Straßenbahnwagen so für ein zweites Leben fit gemacht. Und last not least: weil „Strom“ durch „Strom“ zu ersetzen keinen Sinn für die Luftreinhaltung macht, würde der Ersatz dieser GT-E-Züge lange vor Ende ihrer Nutzungsdauer aus München nicht gefördert werden – so lautet die klare Ansage aus der Staatskanzlei: Förderung gibt es nur für elektrische Züge, die Dieselbusse ersetzen.

Abschließend ein kompakter Kostenvergleich beider Handlungsalternativen.

Das von der WVV gewünschte Vorgehen bedeutet:

14 Neufahrzeuge (ca. 37 m lang) 14 x 3,6 Mio. € ca. 50,6 Mio. €
(keine Förderung wegen vorzeitigem Ersatz und ohne Vorteile für die Luftreinhaltung = Finanzierungsanteil WVV 100%) – 0 Mio. €
Verbleiben von der WVV zu finanzieren ca. 50,6 Mio. €

Die Alternative „Linie 6 mit Sonderförderung vorziehen und GT-E-Ersatz verschieben“:

Steuerungsupdate GT-E 14 x ca. 0,17 Mio. € (Förderung des Update ungewiss, daher hier mit 0% veranschlagt) ca. 2,38 Mio. €
9 Neufahrzeuge Linie 6 ( ca. 43 m lang) 9 x ca. 3,6 Mio € ca. 32,4 Mio. €
./. abzüglich 50% aus Sonderprogramm gefördert ca. -16,2 Mio. €
Verbleiben von der WVV zu finanzieren ca. 18,58 Mio. €

Im direkten Vergleich bedeutet dies:

Steuerungsupdate 14 GT-E + 9 Neufahrzeuge inkl. Förderung ca. 18,58 Mio. €
anstatt 14 Neufahrzeuge (ca. 37 m lang) x 3,6 Mio. € – ca. 50,60 Mio. €
Einsparungen ca. 32,02 Mio €

Aus diesen 32,02 Mio. Einsparungen kann der kommunale Eigenanteil an der Linie 6 in Höhe von ca. 8 Mio. € (Infrastruktur) ebenso finanziert werden wie die zur Finanzierung der Eigenanteile an den Fahrzeugen notwendigen Kredite.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: erst muss die Linie 6 gebaut werden, einschließlich der Beschaffung von rund 10 Straßenbahnen, die klimaneutral betrieben werden und zwischen 20 und 30 Dieselbusse ersetzen können. Das lässt sich der Freistaat innerhalb der kommenden fünf Jahre viel Geld kosten. Der Ersatz von 14 Straßenbahnen, die alternativ für sehr wenig Geld für ein weiteres Jahrzehnt Einsatz flott gemacht werden können, ist nicht mehr als ein „nice-to-have“-Wunsch der WSB und muss hinter dem Bau der Linie 6 zurückstehen.

So sollte der Stadtrat am kommenden Donnerstag in der letzten Sitzung vor der Sommerpause beschließen.

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